Montag, 9. Januar 2012

"Ich mach mir ein bisschen Sorgen um Sie." Ich gucke auf meine Beine, dahin wo sich der Verband unter der Strumpfhose abzeichnet. "Ja" flüstere ich, als es ob selbstverständlich wär. "Sie wissen bestimmt auch warum oder?" "Ja. Wegen gestern," bringe ich leise heraus und räuspere mich. Mein Hals ist zugeschnürt, es ist so anstrengend hier zu sitzen, so anstrengend antworten zu müssen. Ich weiß nicht wo ich hin gucken soll, starre aus dem Fenster, an ihr vorbei. Tränen laufen still an meinen Wangen runter, meine Hände kneifen unaufhörlich in meine Arme. "Gibt es denn irgendwas, dass sie mir sagen wollen?" Zum Beispiel wie sehr  ich die Menschen hier hasse, die dauernd etwas über meine Gefühle hören wollen, die dauernd nach dem Grund suchen wollen? Wie sehr ich das Essen hier hasse, wie sehr ich vor jedem ausgesprochenen Wort Angst habe, weil es falsch sein könnte? Soll ich Ihnen den ganzen Hass in mir drin beschreiben, warum ich all solche Dinge tue, was ich bei jedem gut gemeinten Wort von jedem einzelnen hier denke? Welche Wut ich die ganze Zeit unterdrücke und keinen anderen Ausweg sehe, als sie an mich selbst auszulassen? Weil ich selbst der Grund bin, warum ich so unglaublich wütend bin? "Nein. Im Moment nicht." - "Hm. Okay. Gehen Sie in das Stationszimmer und holen sich Medikamente. Und kann ich mich darauf verlassen, dass Sie sich melden, sobald es Ihnen schlechter geht?" Sie meinen schlechter als jetzt? "Ja." Ich kann kaum mehr sprechen vor lauter Tränen, weiß nicht, was ich noch machen soll. Wieder werde ich allein gelassen. Natürlich wissen alle, dass ich mich nicht melden werde, das kennen sie doch mittlerweile schon. Wieder muss ich viel stärker sein, als ich kann und ich weiß jetzt schon, worauf das hinauslaufen wird.
Tränen tropfen auf meine Strumpfhose und ich will einfach nur noch raus hier. Es ist zu still, das halte ich nicht aus. Ich hasse Stille, sie ist so voller Wahrheit.
"Ich mach mir wirklich Sorgen um Sie."

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